
Sehr schön zusammengefasst von Helge (Städtler) “tobt” momentan eine auf der e-learning 2009 losgetretene Diskussion um den Begriff E-Learning. Die Basler Kolleginnen und Kollegen Gudrun Bachmann, Antonia Bertschinger und Jan Miluška trugen zum Thema “E-Learning ade – tut Scheiden weh?” vor:
Mit diesem Beitrag möchten wir dafür plädieren, e-learning abzuschaffen. Natürlich meinen wir damit nicht, dass Computer und Internet wieder aus dem Hochschulunterricht verbannt werden sollen; jedoch sind wir überzeugt, dass es ihrer Verwendung in der Lehre förderlich wäre, wenn der Begriff „e-learning“ in den Ruhestand versetzt würde und neue, flexiblere Ausdrücke an seine Stelle treten würden. Zu diesem Schluss sind wir nicht durch theoretische Forschungsarbeit gelangt, sondern durch die Reflexion auf unsere praktische Arbeit. Gleichzeitig sind wir in verschiedensten Wissenschaftszweigen auf Parallelen zu unserem Gedankengang gestoßen, die wir hier zur Illustration und Bekräftigung unserer These heranziehen werden. Entsprechend möchten wir diesen Artikel explizit als Beitrag zur Diskussion auf der Meta-Ebene verstanden wissen, nicht als Beitrag zur Erforschung einzelner Aspekte des Unterrichtens mit digitalen Medien. Die Reflexion wird am Ende ergänzt durch eine Bilanz dessen, was sich an der Universität Basel verändert hat, seit wir wieder von „Neuen Medien in der Lehre“ und nicht mehr von „e-learning“ sprechen – gleichzeitig unser Hauptargument für die Abschaffung, denn letztlich muss sich die Theorie in der Praxis bewähren.
Erster Kommentar: Tja, wenn E-Learning gleichgesetzt wird mit hochgeladenen PDFs und aufgezeichneten Videokonserven - anytime and anywhere ohne menschliche Kommunikation und Kooperation - dann bitte weg damit (da gibt es ja bei Gabi Reinmann sehr nette Beispiele in den Kommentaren für diese Lesart von Gralki - alle Achtung Gabi, du hast vielleicht ‘ne Gemütsruhe
).
Aber schon ein echter Wahnsinn, dass technische Aspekte internetgestützter Medien zur Unterstützung von Lern-Lehr-Prozessen (monolithische Learning Management Systeme wie z.B. Blackboard) den Begriff E-Learning dominieren.
Zweiter Kommentar: Ganz ehrlich - diese Kritik ist doch so alt wie jedwede Form von computerbasierter Lehrsoftware seit den 1960er Jahren. Man fragt sich, was man so alles mit einem Computer anfangen könnte… Mmmh, warum nicht Wissen vermitteln…? Lehrerinnen und Lehrer sind teuer. Sofort ist man in alten behavioristischen Modellen unterwegs, die noch einigermaßen gut zu modellieren sind und wo keine inhaltliche Bewertung und qualitative Rückmeldung notwendig ist… . Und dann wird von technischen Beschränkungen und einfachsten Lehr-Lern-Modellen bestimmt losprogrammiert. Das aber nun zu pauschalieren, würde bedeuten, die Anstrengungen aller alternativ und reformorientierter Pädagoginnen und Pädagogen zu ignorieren, die genau das, was in vielen Kommentaren so vehement als aktuell neu und 2.0 gefordert wird, bereits vor 40 Jahren mit Computern gemacht haben.
Es ist ja nicht so, dass es nicht eine Vielzahl konstruktivistischer Ansätze im Bereich der englisch als “educational technology” bezeichneten digitalen (Bildungs-)Medien gäbe. Sehr spannend sind da z.B. Seymour Papert und seine vielen Schülerinnen und Schüler (Kafai, Resnick, Harel etc.), Carl Bereiter / Marlene Scardamalia, etc. etc.
Und auch die grundsätzliche Technik von partizipativen “Posterchilds” wie z.B. einem Wiki erblickten ja nicht Mitte der 90er Jahre die Welt, sondern sind natürlich schon in den 1960er Jahren (Xanadu) oder in den 1940er Jahren (Memex) vorgedacht worden.
Es gab also bisher auch immer eine intensive Beschäftigung mit Themen partizipativer Didaktik, die durch das Internet besonders befördert werden:
Ich selbst beschäftige mich seit 1993 mit dem Thema, wie man das Internet und insbesondere das WWW zum partizipativen Handlungsfeld reformpädagogisch orientierter Lern-Lehr-Arrangements machen kann. Zunächst mit Netscape 0.9x und in Visual Basic programmierten CGI-Skripten in einer hessischen Berufsschule, später dann mit weiteren selbstprogrammierten Systemen (insbesondere EduSerf sowie - mit Helge zusammen - EverLearn). Grundidee war immer, die Lernenden selbst zu (kollaborativen) Autorinnen und Autoren zu machen - also Lernen durch Lehren, Designen, Schreiben, Reflektieren etc.
Dritter Kommentar: Insofern begrüße ich, wenn die PDF-Schleudern dicht gemacht werden sollen. Wolfgang Neuhaus fordert passend dazu in seinem Beitrag “Rennaissance der Hochschuldidaktik” eine “neue Mediendidaktik“. Oder müsste man nicht sagen: eine “neue Didaktik neuer Medien”? Allerdings - wenn man Wolfgang seinen Beitrag liest:
Bereits seit der Einführung des E-Learning-Begriffs Ende der Neunziger Jahre ist er mir suspekt. Der Begriff der E-Mail dagegen war mir z.B. schon immer plausibel, weil mit dem “E” das elektronische Pendant des herkömmlichen Briefs bezeichnet wird. Nur was wäre ein elektronisches Pendant zum Lernen? Der Prozess, der in einem mit dem Computer verdrahteten Gehirn abläuft?
hinkt das m.E. ein wenig. E-Mail ist eine über das Internet versendete Textbotschaft (heute mit Anhängen, im HTML-Format mit Bildern etc.), also ein Internet-Brief -> Internet-Mail -> E-Mail. Ist aber etwas anderes als ein echter Brief. Wird schneller geschrieben und ausgeliefert. Liegt irgendwo zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation. Ist aber auch kein Franken(stein)brief mit nem Ethernetkabel durch. E-Learning ist nun meiner eigenen Definition nach Lernen im Kontext von digitalen (und insbesondere vernetzen) Medien. Lernen ist es natürlich weiterhin, ich bin nur plötzlich etwas schneller dran an Information, Kommunikation und Zusammenarbeit.
Vierter Kommentar: Eigentlich ist das doch nur ein Normalisierungsprozess. Es spricht ja heute auch keiner mehr von Tafel-Teaching oder Book-Learning. Digitale Medien werden zu “normalen” Medien. Viel interessanter sind da grundsätzliche Kulturunterschiede von E-Learning Establishment und jungen 2.0-Edu-Wilden (siehe auch Michael Kerres Kommentar). Auch das ein normaler pädagogischer Generationenkonflikt, der aber einiges an Potenzial hat. Vielleicht werden wir das ja auch auf unserem Bremer EduHack’r Pow Wow thematisieren können.
PS (Lokaler Kommentar): hier in Bremen sprechen wir recht einheitlich von digitalen Medien in pädagogischen Kontexten (Zertifikatsstudiengang zusammen mit Heidi Schelhowe, deren Arbeitsgruppe schließlich digitale medien in der bildung - kurz dimeb - heisst). Das ist sicherlich präziser, aber abkürzungsanziehend. Meine Denomination heisst übrigens “Didaktische Gestaltung multimedialer Lernumgebungen” - interaktiv fände ich passender. Die Kombi interaktive Medien in pädagogischen Kontexten hieße dann impäkt - das wäre dann ja fast wieder international anschlussfähig