Educamp - Nachdenken zu Rolf Schulmeisters Nachdenklichem zu Web 2.0 im Hochschulunterricht
6. Februar 2010Rolf Schulmeister wird auf dem Hamburger EduCamp am Samstag diskutieren - und es geht um das Thema Web 2.0 als Bildungsraum. Dazu hat RS 14 Thesen vorab veröffentlicht, die ich hier etwas diskutieren möchte. In bewährter Weise greift RS dabei auf seine sehr lesenswerte Generalabrechnung mit den Adepten der Net Generation zurück (Link). Zunächst äußert er Verständnis über die
Begeisterung über die neuen partizipativen Umgebungen im Internet (…). Die Anwendungen und Methoden, die als Web 2.0 bezeichnet werden (O‘Reilly 2005), machen aus dem World Wide Web etwas deutlich Anderes als die Vorgängerversion zwischen 1993 und 2001, die neben Kommunikation im Wesentlichen nur Informationssuche und Informationsdarstellung kannte und damit dem Nutzer nur die Rezeption von Inhalten ermöglichte. Web 2.0 bietet durch Feedback-Methoden echte Chancen für zeitnahe Kommunikation, Austausch von Inhalten und interaktive Kollaboration. Rückkopplung ist das Grundelement des Mitmach-Netzes. In Wikis, Weblogs und Social Communities steckt gesellschaftlich und persönlich ungeheures Potenzial für sinnhaftes Handeln und – wie am Einsatz von Twitter in politischen Aktionen zu erkennen – für relevante politische Veränderungen.
Wirklich? Nicht nur ich habe 1994 Berufsschüler/innen mit Netscape 0.94 Inhalte erstellen lassen (Link). BBS gab es doch auch schon mit den ersten Telefonmodems. Web 2.0 ist für mich vor allem: Mainstream Medien und Menschen nehmen das Internet als Kommunikations-/Kooperations-/Kollaborationsmedium war PLUS kritische Benutzerzahl ist erreicht. Das ist natürlich ein Wendepunkt in der Mediennutzungsgeschichte. Aber weniger durch einen besonderen Schritt der Technik erzeugt als ein Mediatisierungs-Phänomen.
Rolf Schulmeister stellt einige Thesen in den Raum:
1. Umfragen unter Jugendlichen und Studierenden (E-Dossier #06 2009; Schulmeister 2009) zeigen, dass von den Applikationen im Web 2.0 nur Social Communities und Wikipedia in nennenswer tem Maße genutzt werden. Methoden, die für das Lernen interessant sind wie Weblogs, Wikis und Portfolios werden kaum genutzt. Bei Jugendlichen steht das Identitätsmanagement im Vordergrund (Buckingham 2008; Schmidt, Hasebrink u.a. 2009), bei Studierenden die Kommunikation und auch die Unterhaltung (Schulmeister 2010).
2. Kommunikationsmethoden wie Email, IM, SMS, Besuche auf Websites für Freizeitaktivitäten, Sport, Musik, Film und Shopping, die nicht zu Web 2.0 zählen, sowie Social Communities werden von fast allen genutzt. Sie dienen der Kommunikation und dem Beziehungsmanagement in der Freizeit. Wikis und Weblogs werden überwiegend rezeptiv genutzt und nur von wenigen produktiv. Die Annahme, alle könnten, wenn sie nur wollten, alle wollten, wenn sie nur wüssten, scheint nicht zu stimmen (Reinmann 2008). Erstens können nicht alle und zweitens wollen nicht alle. Es ist nicht zu erwarten, dass alle Menschen, die eine Innovation rezeptiv nutzen, sie auch aktiv nutzen werden. Aktiv produzierende Mitglieder der Internet-Gemeinschaft werden immer eine Minderheit bleiben. Dafür verantwortlich sind soziale und kulturelle Faktoren, aber auch psychogene Faktoren der Lernsituation, die sich auf Kognition, Motivation und Angst1 auswirken.
D’accord. Meine Erfahrung bei der Befragung von Lehrerinnen und Lehrern: Internet-Nutzung? Natürlich! Email, Ebay, Reisen planen und buchen, mit den ausgeflogenen Kindern skypen. In der Schule: zumeist Fehlanzeige. Es bringt für sie keinen erkennbaren Nutzen bzw. Mehrwert. Also eine ähnliche Geschichte wie bei den Schülerinnen und Schülern. Inhalte erstellen ist aufwändig - vorher haben auch nur die wenigsten dediziert eigene Lernjournale geführt. Da sollten wir nachforschen, ob es nicht doch zu einer Verbesserung der Situation geführt hat. Auch kann man sicherlich nicht überall aktiv sein: wenn ich auf Wikipedia aktiv bin, habe ich nicht mehr viel Zeit, noch Blogs zu führen… Oder gibt es nur Aktive und Nicht-Aktive und nichts dazwischen?
3. Es kann daher nicht verwundern, dass ein Transfer der Internet-Methoden von den Freizeitaktivitäten auf das Lernen in Schule und Hochschule nicht stattfindet. Es ist völlig selbstverständlich und vorrangig, dass Jugendliche in Absetzung von den Eltern eine eigene Identität finden und ausprägen müssen, dass sie diese in anderen Vorbildern suchen (Künstler, Sportler, Mode) und in eigenen Freizeitaktivitäten. Der erste Blick des Forschers muss den Interessen und Motiven der Nutzer gelten, denn die Faszination der Jugendlichen für die neuen Funktionalitäten verführt den Beobachter nur allzu schnell, allein in technischen Begriffen zu denken. Es ist nicht das erste Mal in der Technikgeschichte, dass uns deutlich vor Augen geführt wird, dass wir von den technischen Eigenschaften nicht kausal auf die Nutzung schließen dürfen. Die tatsächliche oder potenzielle Nutzung, einschließlich des Missbrauchs der stets ambivalent einsetzbaren Technik, geht nicht auf die technischen Eigenschaften zurück, sondern auf soziale und individuelle Motive im kulturellen Kontext. Nicht die Technik determiniert die Nutzung, sondern die gesellschaftlichen Szenarien und kulturellen Praktiken beeinflussen die Art der Nutzung (Buckingham 2008; Jenkins 2006a).
Wer will schon in schülerVZ als Streber auftreten? Trotzdem: Schüler/innen mit höheren Lernstrategieausprägungen nutzen auch Web 2.0 mehr zum Lernen (Publikation in Vorbereitung).
4. Die partizipativen Umgebungen werden von proaktiven Nutzern für den Diskurs oder die gemeinsame Produktion von medialen und sprachlichen Objekten genutzt, immer mit Blick auf die Öffentlichkeit. Jenkins (2008) spricht daher zu Recht von einer „Partizipationskultur“. Der Austausch von Informationen und Meinungen und die Kooperation sind das Besondere und Attraktive an diesen Methoden. Aber der Begriff Partizipationskultur kennzeichnet auch eine Beschränkung, denn Partizipation kann nicht verordnet werden, sie ist freiwillig, zur Partizipation kann nur aufgerufen werden.
Partizipation bedarf im Netz auch “Medienliteralität 2.0″ - Literalität als Partizipationsvorausbedingung. Die ist aber überhaupt nicht vorhanden, siehe…
7. Aber auch im Blick auf das Informationsmanagement, dies haben Forschungen zur digital literacy gezeigt (Ciber 2007; Fink 2008; Heinze (2008); Heinze, Fink & Wolf (2009); Livingston, Bobre u.a. 2005; Ofcom 2006; UK Children Go Online 2005), sind bei den Studierenden nicht Fähigkeiten entstanden, wie Schule und Hochschule sie erwarten müssen. Solche Fähigkeiten entstehen nicht von selbst, sie erwirbt mann anscheinend nicht inzidentell oder implizit durch Surfen. Lehrer, Dozenten und Hochschullehrer erhalten damit eine wichtige Aufgabe. Sie sollten ihre Studierenden in die sinnvolle Nutzung der neuen Lern- und Arbeitsmethoden einführen und für einen bedeutungsvollen Gebrauch motivieren.
Genau. Liebe Bildungspolitiker_innen: Medienbildung ist unverzichtbar und für die Zukunft WICHTIG!
8. Das Lernen von Wissenschaft ist – auch aus der Sicht der Institution – etwas Anderes als informelles Lernen in virtuellen Gemeinschaften. Das Studium besteht nicht nur, sogar eher selten, in selbstgesuchten Themen, sondern zu einem großen Teil in der Aneignung von systematischem Wissen und überlieferten Wissensbeständen, die in vielen Fällen individuelles Lernen verlangt. Lernszenarien müssen deshalb für unterschiedliche Formen des Lernens geplant werden.
Es sei denn, es handelt sich um die WissenschaftlerInnen-Gemeinschaften. John Seely Brown predigt ja immer das “learning to be” - Wissenschaftler 2.0, macht Eure Arbeit öffentlich und nehmt eure StudentInnEn - auch wenn es für beide Seiten mal ein wenig unbequem ist - mit auf eure Forschungsreisen.
9. Web 2.0-Methoden eignen sich nicht zum Lernen für alle Arten des Wissens. Sie wurden für das Informations- und Kommunikationsmanagment optimiert und eignen sich daher speziell für Bereiche der Wissenschaft, in denen die Kommunikation über Wissen eine bedeutende Rolle spielt wie in den Diskursen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, in der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Werten und erkenntnistheoretischen Normen. Nicht ohne Grund sind Mathematik, Logik und die Naturwissenschaften im Web 2.0 nicht oder nur mit ihren epistemologischen Aspekten und sozialwissenschaftlichen Kontexten präsent.
Naja, MINT also einfach als bestmögliche Vermittlung? Ich glaube, für viele Mathegeschädigten wäre es sehr erhellend, Mathematik als kollaborativen, diskursiven Problemlöseprozess zu erleben und nicht als “Quod erat demonstrandum” an der Tafel.
10. Web 2.0-Methoden können hervorragend in Studienphasen eingesetzt werden, in denen Lernen unter der Bedingung der freiwilligen Partizipation stattfindet und in denen es eine Bewertung und Notengebung nicht gibt, denn Erfahrungen (Richardson 2004; Downes 2004; Reinmann 2008) mit Web 2.0-Methoden im Pflichtunterricht zeigen, dass sich die Leistungen der Teilnehmenden verändern, dass sich Lernen, so wie wir es erwarten, verflacht und nivelliert, sobald die Leistungen verpflichtend sind (Reinmann, Sporer & Vohle 2007). Lernprozesse in Bildungsinstitutionen können schon deshalb nicht im selben Maße Zufriedenheit bei den Benutzern hervorrufen wie selbstgewählte Aktivitäten, weil sie benotet werden (müssen). Möglicherweise sind Web 2.0-Methoden nur dann für das formale Lernen in institutionellen Kontexten adaptierbar, sofern es nicht um Prüfungen und Benotung von Leistungen geht.
Absolut - gilt aber für alle Formen eher selbstorganisierten Lernens. Mit der Umstellung auf kompetenzorientierte Curricula könnten wir natürlich auch das Erreichensprinzip einführen - man zeigt, das man etwas kann. Dazu schaut man sich einfach mal einen typischen Blog dazu an (Doug McCune).
11. Wir brauchen Lernphasen, in denen um des Lernens willen gelernt werden kann und in denen keine Bewertung stattfindet. Und wir brauchen andere Lernphasen, in denen die Hochschule ihrer Aufgabe der Bewertung und Selektion der Studierenden nachkommen kann und in denen es auf die Notenvergabe ankommt, es sei denn, wir wollten das „Assessment“ den Arbeitgebern überlassen.
Das spricht mir aus dem Herzen. Im momentan BA/MA-Creditwahn allerdings vollkommen untergehend!
12. Die von manchen gehegte Erwartung, dass alle mitmachen werden, kann nur enttäuscht werden. Die Gruppe proaktiver Nutzer wird einen gewissen Anteil nicht übersteigen, weil eine Selbstorganisation nicht jedem jederzeit möglich ist (Reinmann 2008). Diese Aussage sollte man aber nicht als eine pessimistische Einschätzung betrachten, denn es gibt genügend andere wichtige Fragen, Themen und Probleme der Welt, mit denen sich jeweils die einen und die anderen beschäftigen. Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen, haben unterschiedliche Interessen und gehen sozial und politisch unterschiedliche Engagements ein. Die Diversität der Lernenden ist ein hohes Gut. Dem muss die akademische Lehre Rechnung tragen, denn nur so kann sie neoliberalen Tendenzen wirksam begegnen. Die größte Diversität ist aber immer noch die Ungleichheit der sozialen Schichten. Seit Pichts „Die deutsche Bildungskatastrophe“ (1964) wurden keine Fortschritte in der Integration von Kindern aus sozial schwächeren Schichten in die Bildung gemacht.
Im Kontext von formalen Lern-Lehr-Arrangements möchte ich dem widersprechen. Ich war in Forschungsprojekten beteiligt, in denen wir alle SchülerInnen im Kontext von Berufsschulunterricht selbstorganisiert lernen lassen (LINK). Freiwillig in ihrer Freizeit lernen - das ist was anderes. Aber da schauen wir vielleicht auch in die falsche Richtung - wir brauchen mehr qualitative Studien zur Mediennutzung Jugendlicher!
13. Nur wenn wir die Parteilichkeit der Bildung und des Mediengebrauchs achten, können wir der Ambivalenz der Mediennutzung entgehen, deren andere Seite durch den Einsatz als „neoliberales Führungsinstrument“ (Häcker 05.02.09, http://mms.uni-hamburg.de/blogs/epush/2009/02/05/vortrag-von- prof-dr-hacker/) für die Kompetenzentwicklung in der globalisierten Welt und deren Ausrichtung an Unternehmenszielen bestimmt wird, wie man der Literatur zur „Lernrevolution zum New Blended Learning mit Social Software“ (sic!) entnehmen kann (Erpenbeck/Sauter 2007; s.a. Kuhlmann/Sauter 2008).
Wichtig, sich nicht durch seine eigene Utopie eines Empowerment durch Web 2.0 täuschen zu lassen, wohin die Reise für auch hingehen kann. Freue mich auf Rolf Schulmeisters Plädoyer dazu auf dem Educamp in Hamburg.
14. Henry Jenkins (2006a) will die „early settlers and first inhabitants“ der eLearning-Szene nachdenklich machen: „These elite customers exert a disproportionate influence on media culture in part because advertisers and media producers are so eager to attract and hold their attention.“ Nutzer und Medienproduzenten würden sich gegenseitig bestätigen, und dann drehe sich alles nur um ihr Anliegen als das Wichtigste auf der Welt: „Right now, both are chasing their own tails.“ Beware!
Richtig, aber auch schön, dass sich mal jemand um unsere Anliegen kümmert. Super RTL macht das nicht! ![]()



